Sonntag, 18. Juni 2017

Witten, eine Stadt, wie ich sie sehe


Die Fußgängerzone in Witten bei Nacht
Ich bin nicht eins mit allem, was in dieser Stadt geschieht. Eine Fehlplanung hier, eine Baustelle dort. Leerstände, das Sterben der Innenstadt.
Veränderungen, die so schnell geschehen und dann doch irgendwie fast unmerklich in unseren Alltag einfließen.

Ich blicke auf die Menschen, die durch die Straßen hetzen, jeder sagt, die Menschen sind weniger geworden. Ich höre Stimmen, die sich beschweren. Die sagen, man könne in dieser Stadt "nichts machen". Was ist damit gemeint? "Nichts machen"? Das verstehe ich nicht. Es fehle hier an allem höre ich dann. An was denn? Die Worte schwirren wie Comicsterne über mir. "Keine vernünftigen Kneipen", "kein schöner Markt", "der Ruhrpark ist besser", "Bochum ist toll, die machen viel mehr", "scheiß Kirmes, nur Assis", "überall Baustellen", "die reißen die drei Teiche ab", "kahler Rathausplatz", "die Stadt muss sich mal was einfallen lassen", "Überall ists besser als in Witten".

Dann schaue ich mich um, verharre dabei wie in einem Zeitraffer- um mich herum rast alles an mir vorbei und ich halte einfach inne und komme wieder zu mir.

Witten- wem es hier nicht gefällt, der kann- der soll doch gehen.

Altbau im Wiesenviertel, kaleidoskopische Ansicht
Ich bin hier aufgewachsen, erst in Heven, jetzt am Rand der Innenstadt. Das ist meine Heimat. Und dann fahren meine Gedanken durch die schönen Ecken der Stadt und ich beginne zu lächeln. Vielleicht ein wenig überheblich? Kann sein, ist mir egal! Ich weiß, wo es hier schön ist, es ist mein Lebensraum in dem mich keiner gefangen hält. Ich entscheide wo ich lebe, nur ich allein und es gefällt mir hier.

Ich erinnere mich an Schlamm- und Kiesberge an der Ruhr, Kieselspringen auf dem Wasser und das unfassbare Projekt, den Kemnader See auszuheben.
Naturerlebnisse rund um den See und Wanderungen durch das Ölbachtal bis in den Stämmisch Busch.
Winteridylle auf dem Ruhrdeich, mit gelbstichigen Lampen in denen dicke Flocken tanzten- ein eingebranntes Bild in meinem Kopf.
Der Helenturm- früher fast immer zugänglich. Der Blick vom Turm auf die Stadt, auf das Rathaus. Was kostet die Welt? Ich nehme die Hälfte!


Ich kenne hier einige Winkel wie meine Westentasche. Und so vieles kenne ich noch nicht, ein Tag ohne Entdeckungen ist ein verlorener Tag.

Das innere Kind erwecken- so muss das! Als Kind haben wir die Fähigkeit in allem Bekannten auch etwas Neues zu finden. Der Spielplatz, auf dem wir jeden Tag die unfassbarsten Erlebnisse hatten- der Spielplatz war doch eigentlich immer gleich, oder? Warum muss immer alles neu sein? Haben wir uns so sehr daran gewöhnt von anderen bespaßt zu werden? Nein, ich meine nicht im Alten zu verharren. Ich mag Innovationen und bin begeisterungsfähig. Und dann kann ich eintauchen in das Neue, tiefer und tiefer, auch wenn das Leben zu kurz scheint um alles zu begreifen. Und ich beobachte wie viele Menschen um mich herum vorgeben für so etwas gar keine Zeit zu haben. Vorgeben? Ja- vielleicht, weil sie es verlernt haben- das innere Kind weit in sich vergraben, zurückgezogen im Kaninchenbau, traurig und einsam. Und der Verlust des Kindes wird kompensiert durch eine Spritze, gefüllt mit einer Droge, die "Neuer, Schneller, Weiter, Besser, Höher, Mehr" fordert.

Infrarotansicht auf die Herbeder Ruhrbrücke
Und dann bin ich plötzlich in einem Garten, in meinem Garten- knapp 400 qm, die ich bewirtschafte. Ein Garten, so richtig Schrebermäßig. Mit Wiese, Anbaufläche und Tümpel. Hier läuft die Zeit noch richtig, geerdet, elementar und reduziert... "geerdet und elementar". Der Blick auf das Wesentliche. Auf Knospen folgen Blüten, der Pflanze ist egal, was um sie herum geschieht- sie wächst immer so gut sie kann. Pflanzen lehren mich geduldig zu sein, anzunehmen, was kommt.

Junges Gras
Mal ist es ein junger Trieb, dann eine Eidechse, die meinen Weg kreuzt. Ein Igel, ein ausgeraubtes Nest- Freud und Leid nah beieinander, doch immer geht es weiter und die schönen Momente überwiegen. Und je tiefer ich eintauche in meinen Mikrokosmos, je mehr sauge ich auf- Insekten, die ich nie zuvor gesehen habe, Pflanzen mit wunderbaren Kräften und Früchte, die sich aus einem winzigen Samenkorn entwickelt haben, die wachsen und wieder vergehen oder bleiben und die Jahrzehnte überdauern. 400 qm, immer gleich und doch immer wieder anders, manchmal von Tag zu Tag, manchmal nur von Woche zu Woche...

Und im Winter wird geruht...

Zwei wichtige Aussagen haben mich geprägt, zwei Sätze, die ich in mir trage. Der eine kam von meiner Tante, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wurde auf die Frage, ob früher alles anstrengender war. Die Antwort lies mich nicht mehr los... "Nein, früher gab es zwar anstrengendere Arbeiten als heute, aber wir hatten mehr Zeit, alles ging langsamer, bewußter und mit mehr Spaß". Und dann war da noch die Antwort von Andreas, meinem Dozenten am Kunstinstitut, auf meine Aussage, ich könne mit dieser oder jener Tätigkeit ja eine Menge Zeit sparen. Er erwiderte nur sehr trocken, ernsthaft und wahrheitsgemäß: "Zeit kann man nicht sparen".
Diese Sätze lassen mich die Zeit, das Leben und auch die Veränderungen mit anderen Augen sehen...

Ameisen "am Tropf"
Wir wissen alle, dass es oft die kleinen Dinge und Momente sind, die uns glücklich machen und die wir uns bewahren sollten- warum tun wir es nur so selten?

Und dann blicke ich wieder auf die vorebirasenden Menschen mit einem Lächeln im Gesicht, ganz bei mir und in meinem Raum, meiner Stadt in der ich lebe und bin glücklich.

"Frozen Blossoms"

Zum Hintergrund:


Über drei Veranstaltungsabende, jeweils am 2. Samstag im Monat, hingen meine Werke in Benno`s Brauhaus in der Hammerstr. in Witten.

Bei den Sagentagen handelt es sich um eine Veranstaltungsreihe, die 1x/ Monat einlädt, um dort 3 verschiedene Ausstellungen an drei unterschiedlichen Orten die fußläufig erreichbar sind, zu besuchen. Die Midissagen locken zudem mit einer Poetry- Lesebühne, die Finissagen mit Musik, somit ist die Veranstaltung bunt und vielfältig. Neben 2 wunderbaren Poetry- Slammerinnen hatte ich die Gelegenheit während meiner Midissage einen Text zu verlesen, der sowohl meinen Bildern als auch der Stadt in der ich lebe gewidmet ist. Für eine Lesung zu schade um danach in der Versenkung zu verschwinden... also veröffentliche ich ihn hier, vielleicht findet der Ein oder Andere ja Gefallen daran und/ oder entdeckt sich ein Stück weit wieder- nicht nur als Wittener.

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